
Körper unterstützen
Hauptfokus:
Definiere gemeinsam mit deinem Arzt die passenden Medikamente, Therapien und/oder Supplements zur Behandlung deiner sekundären Dysfunktionen. Dadurch schaffst du neue Kapazitäten zur Heilung, die du in die anderen Aspekte des CFS-Rades investieren kannst.
«Dein Körper übernimmt die Heilung - du kannst ihn lediglich unterstützen!»
CFS geht immer mit starken körperlichen Dysfunktionen einher. In diesem Menüpunkt zeige ich dir, wie du deinen Körper im Genesungsprozess optimal unterstützen und allfällige ursächliche Trigger beseitigen kannst. Damit schaffst du Kapazitäten, die du in die weiteren Aspekte des CFS-Rades investieren kannst. Pass aber auf, dass du dich mit den hier vorgestellten Ansätzen nicht verrennst! Wähle gemeinsam mit deiner Ärztin ein paar wenige, sinnvolle Massnahmen aus und prüfe sporadisch, ob es Anpassungen braucht.
Definiere deine umfassende Behandlungsstrategie!
Als Multisystemerkrankung braucht CFS eine umfassende körperliche Behandlungsstrategie, die folgendes umfassen sollte:
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Entfernen, was potenziell nicht in resp. zum Körper gehört (z.B. Viruspersistenz, Toxine)
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Ergänzen, was fehlt (z.B. Hormone, Aminosäuren, etc.)
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Sekundäre Dysfunktionen behandeln & biomedizinische Teufelskreise durchbrechen
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Regulationssysteme normalisieren, damit der Körper wieder Allostase erreichen kann
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1. Die Basics
Die Basics gelten für Gesunde genauso wie für CFS-Betroffene. Sie bilden die Grundlage dafür, gesund zu werden und zu bleiben. Details dazu findest du in der Toolbox.
2. Ursächliche/erhaltende Trigger beseitigen
Wenn bei dir noch sehr starke ursächliche Trigger/Stressoren vorhanden sind, kann dies dazu führen, dass du trotz aller Bemühungen in der Krankheit gefangen bleibst, weil das Gehirn dadurch weiterhin in einem permanenten Alarmzustand verbleibt resp. die Cell Danger Response nicht abschaltet. Diese Trigger ausfindig zu machen, ist naturgemäss ein sehr individueller Prozess. Ich empfehle dir, dich auf das Offensichtliche zu konzentrieren und dich damit nicht verrückt machen zu lassen. Vielleicht kannst du dieses Thema auch problemlos abhaken.
Nachfolgend einige der wichtigsten möglichen Trigger. Solltest du davon betroffen sein, empfehle ich dir dringend, dich für eine allfällige Behandlung an einen spezialisierten Arzt oder weitere Fachpersonen zu wenden.
Wichtige Hinweise:
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Einige hochdosierte Präparate auf dem Markt sind potenziell leberschädlich! Dies gilt beispielsweise bei einer langfristigen Einnahme von hochdosiertem Kurkumin, insbesondere in Kombination mit Piperin.
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Auch fettlösliche Vitamine (v.a. A & D) und gewisse Pflanzenextrakte wie Grünteeextrakt (EGCG) sollten nicht langfristig hoch dosiert werden.
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Vom oft empfohlenen Ashwagandha ist aufgrund seiner cortisolsenkenden Wirkung tendenziell abzuraten. Gerade bei Patient:innen mit bereits flachem Cortisolprofil kann dies Fatigue, orthostatische Intoleranz und Crashanfälligkeit verschlechtern. Rhodiola ist hier die bessere Wahl.
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Creatin kann den Serum-Creatininwert mechanisch erhöhen. Dies bedeutet bei gesunden Nieren keine Nierenschädigung, sollte aber bei Blutkontrollen berücksichtigt werden.
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Nattokinase kann die Blutgerinnung beeinflussen und das Blutungsrisiko erhöhen. Sie sollte nicht ohne ärztliche Rücksprache eingenommen werden.
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Bioverfügbarkeit: Nicht nur was man nimmt, sondern in welcher Form (z.B. Ubiquinol statt Ubiquinon bei Q10, oder aktives Folat statt Folsäure) ist entscheidend, besonders bei genetischen Polymorphismen (MTHFR), die bei CFS häufig diskutiert werden.
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Wer sich detaillierter mit NEM auseinandersetzen möchte, findet fundierte Informationen bei: Bas Kast, Der Vitamin und Nährstoffkompass, C.Bertelsmann Verlag (ISBN: 978-3-570-10582-5).
Günstige und qualitativ hochwertige NEM findest du hier.
4. Sekundäre Dysfunktionen behandeln & biomedizinische Teufelskreise durchbrechen
Viele Symptome wie Schlafstörungen, Schmerzen, POTS oder MCAS lassen sich medikamentös oder mit konservativen Massnahmen zumindest lindern oder stabilisieren. Je nach Situation kommen auch Off-Label-Medikamente oder gezielte Therapien infrage, die auf bestimmte körperliche Dysfunktionen abzielen. Nutzen und Risiken müssen dabei immer individuell abgewogen werden – idealerweise in Begleitung einer verantwortungsvollen Ärztin.
Eine Behandlung der körperlichen Dysfunktionen und Symptome kann die Stressreaktionen im Körper beruhigen, die gestörten Regulationssysteme stabilisieren und so deine körperliche und psychische Widerstandskraft stärken. Dadurch wird dein Körper soweit entlastet, dass er mehr Kapazität bekommt, um auch in den anderen Bereichen des CFS-Rades Fortschritte zu machen. Bei einigen Fällen kann diese körperliche Stabilisierung sogar Voraussetzung dafür sein, dass neuroplastische Ansätze überhaupt greifen können.
Das gilt besonders bei langjährigem oder schwerem CFS, wenn sich gewisse sekundäre Dysfunktionen gewissermassen "verselbständigt" haben und weiterhin Symptome verursachen sollten – auch dann, wenn neuroplastische Ansätze bereits Fortschritte gebracht haben (z. B. im Fall von Autoantikörpern, Gefässveränderungen oder Mikrogerinnseln). In solchen Fällen braucht es gezielte medizinische Massnahmen, um diese Kreisläufe zu durchbrechen und die betroffenen Strukturen zusätzlich zu unterstützen. Wie viel Therapie dazu erforderlich ist, ist individuell verschieden. Meist führt nur ein sorgfältig begleitetes Ausprobieren zur passenden Lösung.
Der Fokus sollte selbstverständlich auf jenen Symptomen liegen, die dich am stärksten einschränken. Gleichzeitig ist wichtig, dass du dich durch Symptomlinderungen nicht dazu verleiten lässt, die anderen Aspekte des CFS-Rades zu ignorieren (insbesondere Pacing).
Grundsätzlich wäre die symptomorientierte Therapie eine zentrale Stärke der Schulmedizin. In der Praxis fehlt jedoch häufig spezifisches Wissen zu CFS, und erfahrene Spezialisten sind oft überlastet. Deshalb verweise ich hier gerne auch auf den umfassenden Praxisleitfaden der Charité Berlin sowie auf das Behandlungskonzept von Dr. med. Maja Strasser vom Long Covid Netzwerk Solothurn. Auf ihrer Website gibt es zudem ein hilfreiches Mindmap mit einer guten Übersicht zur symptomatischen Behandlung (herunterscrollen).
Diese Quellen wie auch die unten aufgeführten Medikamente und Therapien können eine wertvolle Hilfe sein, um gemeinsam mit deiner Ärztin die beste Behandlung zu finden.
Insbesondere für Hausärztinnen können zusätzlich diese allgemeinen Empfehlungen wie auch dieser Diagnostik- und Ersttherapie Algorithmus für ME/CFS auf der Basisversorgungsebene von Prof. Kathryn Hoffmann von der medizinischen Universität Wien sehr hilfreich sein.
Übersicht über die aktuell vielversprechendsten Medikamente (Off-Label)
Die in dieser alphabetisch sortierten Übersicht dargestellten Medikamente werden bei CFS und Long Covid teilweise off-label eingesetzt. Für viele Anwendungen liegen bislang nur begrenzte klinische Daten vor. Häufig basieren die Annahmen auf kleinen Studien, Beobachtungsdaten oder pathophysiologischen Hypothesen. Die Wirksamkeit ist nicht gesichert, und Effekte können individuell stark variieren.
Diese Übersicht wurde sorgfältig recherchiert, kann aber Fehler enthalten. Sie dient als Orientierungshilfe und Gesprächsgrundlage für Arzttermine – nicht als Anleitung zur Selbstbehandlung. Eine Einnahme darf ausschliesslich nach ärztlicher Abklärung erfolgen und erfordert eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung sowie engmaschige Verlaufskontrollen.
ACHTUNG
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Diese Angaben sind keine Anleitung zur Selbstmedikation und müssen zwingend ärztlich begleitet werden (v.a. auch mit Blick auf Einnahmedauer, mögliche Nebenwirkungen, etc.). Die meisten Medikamente sind rezeptpflichtig!
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Es ist empfehlenswert, nicht mehrere Medikamente gleichzeitig einzuführen, um die Wirkung besser beurteilen zu können.
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Es gibt leider keine Biomarker, die auf das eine oder andere Medikament hinweisen. Deine Ärztin kann dir helfen, Kontraindikationen zu bestimmen und das beste Mittel aufgrund deiner Beschwerden zu finden. Am Ende ist es aber auch hier oft eine Frage des Ausprobierens, was am besten hilft.
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Da CFS-Betroffene teilweise sehr sensibel auf Medikamente reagieren, sollte jede Medikation mit einer niedrigen Startdosis begonnen und nur bei guter Verträglichkeit langsam gesteigert werden.
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Viele Medikamente sind sogenannt "Off-Label". Das bedeutet, dass sie ausserhalb ihrer offiziell zugelassenen Indikation, Dosierung oder Applikationsform eingesetzt werden und damit nicht kassenpflichtig sind. Sie sind aber weder verboten, unsicher noch unwirksam. Sie sind lediglich nicht durch regulative Studien für diesen speziellen Anwendungsfall geprüft und zugelassen. Da entsprechende Studien jedoch sehr teuer sind und für die Hersteller oft wenig Anreize dazu bestehen, muss man hier der Erfahrung und dem Wissen jener Ärzte vertrauen, die mit diesen Medikamenten arbeiten und teilweise gute Erfolge erzielen.
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Dass ein gewisses Restrisiko (u.a. zu Langzeitfolgen) bleibt, weil man einfach noch zu wenig Erfahrungen damit hat, darf sicher nicht unerwähnt bleiben. Dieses scheint mir aber trotz allem sehr überschaubar - auch im Vergleich zum Leidensdruck vieler Betroffener.
Weitere individuell zu prüfende Therapien:
Für die nachfolgenden Therapien gibt es zwar plausible Wirkmechanismen und oft auch positive Erfahrungsberichte oder kleinere Studien. Eine klare wissenschaftliche Evidenz fehlt aber meist ebenfalls - teilweise auch, weil finanzielle Anreize fehlen, umfassende, placebokontrollierte Doppelblindstudien zu machen. Deshalb würde ich empfehlen, diese Therapien sehr zurückhaltend anzuwenden resp. Kosten und Nutzen stets gemeinsam mit deinem Arzt gut abzuwägen - zumal die meisten davon nicht ursächlich, sondern höchstens symptomatisch wirken.
Diese Übersicht wurde sorgfältig recherchiert, kann aber Fehler enthalten. Sie dient als Orientierungshilfe und Gesprächsgrundlage für Arzttermine und nicht als medizinische Empfehlung.
Für weitere (evtl. auch aktuellere) Behandlungen verweise ich auf den hervorragenden Blog von Dr. med. Kristina Schultheiss sowie auf die deutsche Long Covid Plattform und Long Covid Schweiz.
5. Regulationssysteme normalisieren
Gemäss meiner Hypothese liegt die Ursache von CFS in einem permanenten Alarmzustand im Gehirn. Als Folge davon geraten sämtliche Regulationssysteme des Körpers aus dem Takt und führen zu sekundären Dysfunktionen und einer Vielzahl an Symptomen. Mein Behandlungsansatz zielt deshalb in erster Linie darauf ab, den Alarmzustand im Gehirn zu beenden.
Trotzdem macht es Sinn, sowohl die konkreten sekundären Dysfunktionen zu behandeln (vgl. Abschnitt 4) wie auch ganz allgemein auf eine Normalisierung der Regulationssysteme hinzuwirken. Denn die Störung verläuft nicht nur in eine Richtung: Der Alarmzustand im Gehirn bringt die Regulationssysteme aus dem Gleichgewicht, und die daraus entstehenden Dysfunktionen verstärken wiederum den Alarmzustand im Gehirn. CFS ist somit ein wechselseitiger Kreislauf, den man von beiden Seiten her durchbrechen kann - und manchmal sogar muss.
Die nachfolgende Tabelle bietet einen groben Überblick über zentrale biomedizinische Ansätze (Details vgl. Abschnitt 4) wie auch Lebensstil-Anpassungen. Es ist auch hier auf keinen Fall nötig, alle Massnahmen umzusetzen. Orientiere dich an den Vorgaben des CFS-Rades sowie den Empfehlungen deines Arztes.
Das Nervensystem ist die Schaltzentrale des Körpers – es verbindet Immunantwort, hormonelle Regulation und Energiehaushalt zu einem dynamischen Gesamtsystem. Weil es für die Genesung von CFS so entscheidend ist, widme ich dem Nervensystem ein eigenes Kapitel.
6. Wichtige Schlussbemerkung
Da es keine Standardtherapie zur Behandlung von CFS gibt, kann die "Jagd nach der besten Behandlung" stark belastend sein. Die ständigen Arztbesuche und das Ausprobieren neuer Medikamente, Therapien oder Supplements können mit viel Frust und Energieverlust verbunden sein. Entsprechend kann dieser Weg auch kontraproduktiv sein und mehr Gefahren- als Sicherheitssignale ans Gehirn senden.
Insofern stellt die symptomatische Behandlung ein gewisser Zielkonflikt dar, den alle Betroffenen individuell managen müssen. Wie so oft ist ein gewisser Mittelweg wahrscheinlich keine schlechte Lösung: du versuchst die schlimmsten Symptome unterstützend zu behandeln, rennst aber auch nicht zu 100 verschiedenen Ärzten, in der Hoffnung auf ein Wunder.
Gehe diese Sache möglichst gelassen an. Die Off-label Medikation bietet sicherlich Chancen auf Besserung bei vertretbarem Aufwand. Bei den Therapien wäre ich vorsichtiger. Solange deine Ärztin dir keine plausible Notwendigkeit für eine bestimmte Therapie aufzeigt oder dir die empfohlenen Behandlungen nicht helfen, ist es sinnvoller, dich vorerst auf die anderen Aspekte des CFS-Rades zu konzentrieren. Es ist gut möglich, dass dein Körper viele sekundäre Dysfunktionen selber heilen kann und du diese Therapien gar nicht brauchst.
Weiterführende Informationen
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Das Handbuch ME/CFS, Dr. med. Lotte Habermann-Horstmeier, Hogrefe 2025 (Wenn du dich in die medizinischen Details und den aktuellen Forschungsstand einlesen willst. Insbes. findest du auch detaillierte Angaben zu möglichen medikamentösen Behandlungen auf den Seiten 205-214).
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ENERGY!, Dr. med. Anne Fleck, dtv 2023 (Für einfacher verständliche Informationen zum Thema chronische Müdigkeit - nicht spezifisch auf CFS, dafür besser auf das Gesamtsystem "Mensch" ausgerichtet).
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CFS - Chronic Fatigue Syndrom, Dr. med. Joachim Strienz, Zuckschwerdt
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Praxisleitfaden ME/CFS der Charité Berlin
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DACH Consensus Paper zur Diagnostik und Behandlung von ME/CFS mit separater Tabelle der Behandlungsoptionen (v.a. für Fachleute geeignet & beschränkt auf rein biomedizinische Aspekte).
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NICE Guidelines: chronic fatigue syndrome: diagnosis and management
